Mein Seelenpferd

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Hier mal die Geschichte von meinem Seelenpferd „DJ“

Mit dem Reiten habe ich erst mit 14 angefangen. Vorher dachte man, mein Heuschnupfen wäre evtl Pferdehaarallergie. Aber einmal durch eine Freundin ein Pflegepferd gefunden, da war es vorbei 🙂 „Reiten“ lernte ich auf dem damals schwierigsten Pferd im Stall („schwierig war hier einfach nur ein wenig nervös), denn der war mein Pflegi. Alle andren Pferde waren schon besetzt 😀 Allerdings kam ich direkt gut mit ihm zurecht und schon 1 Woche nach dem ersten Mal draufsitzen ritten wir mit ein paar Leuten ins Gelände. Alle 3 Gangarten..

Mit 17 fing ich dann in einem Sportstall an. Der Trainer kaufte meist schwierige Pferde zu günstigen Preisen an.

Eines Tages erzählte er mir, dass er einen 2jährigen aus Belgien gekauft hatte. Auf der Auktion als Fohlen hätte er 40 000 Pfund gekostet und er hätte ihn für 1000 DM bekommen. Ich sagte gleich, dass da ja wohl einiges im Argen liege. Er meinte aber nur, dass der Hengst ein wenig schwierig wäre und eine Fleischwunde am Vorderbein hätte… Es war das Jahr 1996 und das Buch der Pferdeflüsterer noch gar nicht veröffentlicht. Schwierige Pferde waren bis dato Bocker oder Steiger für mich.

Und dann kam Dear John….

 

Am 18.02.1996 fuhr der Hänger mit ihm vor. Das Ausladen sah ich nur am Rande, da ich gerade ein Pferd ritt. Aber es war schon verwunderlich, dass die Pfleger, die dabei waren, erst wild gestikulierend rumliefen und dann das Pferd ohne Führer aus dem Hänger schoss.. Später sah ich nur seinen Kopf über der Tür. Mir fiel nur die Bezeichnung „wunderschön“ ein. Ich hatte zu dem Zeitpunkt für ein paar Tage 20 Pferde um die ich mich täglich kümmern musste, daher war eine richtige Begrüßung erstmal nicht drin. Und, wenn man an die Box ging, verschwand sein Kopf nach innen.

 

Am nächsten Tag kam der Tierarzt um seine Wunde zu versorgen. Er ging zu ihm hinein, ich hörte nur Gepoltere und Geschreie. Ich lief nach unten um nachzusehen und sah nur noch, wie der Doktor mittels einer Flugrolle über die untere Tür herausgesprungen kam. Dies war eine beeindruckende Leistung, da er selbst nur gerade 1,60 cm groß ist..

Als er an mir vorbeihastete und ich ihn fragend ansah, meinte er nur: „Ab zum Schlachter! Der ist komplett geisteskrank!“

Ok…sowas hatte ich von ihm noch nie gehört. War also entsprechend verwundert, was da los war. Immerhin behandelte er oft schwierige Pferde und hatte immer eine Engelsgeduld.

 

Am Mittagstisch fragte ich also den Besitzer was denn da los war. Als Antwort bekam ich, dass der junge Hengst komplett aggressiv wäre, niemanden an sich heranliesse und den kommenden Montag (es war gerade Mittwoch) dann zum Schlachter ginge. Aus Gründen, die ich bis heute nicht weiß, sagte ich zu ihm: „Ich glaube, der hat nur Angst!“

Die Idee verwundert mich bis heute. Hatte ich Dear John ja gerade mal ein paar Sekunden gesehen.

„Wenn Du meinst.“ war dann die Antwort..“Du hast ja bis Montag Zeit. Viel Spaß.“

 

Also ging ich nach dem Essen direkt zu DJ an die Box. Sein Kopf verschwand.. Ich öffnete die Tür und redete ruhig auf ihn ein. Er ging soweit zurück, dass er mit dem Hintern an der Rückwand der Box stand, hob den Kopf hoch und man sah fast nur weiß in seinen Augen.. Ich redete weiter mit ihm und trat einen Schritt in die Box…sofort schoss er auf mich zu. Mit den Vorderbeinen ausschlagend und den Zähnen schnappend. Ich hechtete raus, verriegelte die Tür wieder, setzte mich zitternd hin und dachte nur: „Schei..! Was zur Hölle ist das denn?“

Sowas hatte ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Ich war absolut geschockt.

 

Aber warum auch immer, aufgeben wollte ich auch nicht. Also machte ich zuerst mein Arbeit fertig und danach 2 Std (bis es dunkel wurde) Box rein, Box raus hechten. Keinerlei Besserung in Sicht.. Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Die komplette Mittagspause verbrachte ich in seinem geöffneten Türrahmen stehend. Redete mit ihm und versuchte mich so gut wie nicht zu bewegen.

 

Was war das für ein Pferd! Einfach perfekt in meinen Augen. 2 Jahre alt, aber schon über 1,60 m groß..Brust, Hintern und Hals wie von einem trainierten Pferd. Er sah aus wie ein 5jähriger Warmblüter und nicht wie ein engl. Vollblut Jungpferd.

Und das verletzte Bein… sowas war mir auch noch nicht vorgekommen. Unterhalb des rechten Vorderfußwurzelgelenks war eine ca 5 cm breite, um das halbe Bein herum gehende Wunde. Komplett verdreckt, vereitert und es krabbelten auch schon Maden drin rum.. Einfach widerlich.

 

So ging es ganze 2 Tage.. Ich in die Box rein, kam aber keinen Schritt an ihn ran, ohne dass er mich attackierte. Ich war verzweifelt. Irgendwann saß ich vor der Box und heulte..

 

Am nächsten Tag ging ich zu ihm in die Box…und zum ersten Mal sah er mich direkt an. Kein Kopf in die Luft, sondern ganz normal. Ich ging einen Schritt auf ihn zu und…er blieb stehen. Ich hatte Herzklopfen bis zum Hals als meine Finger seine Nüstern berührten. Aber er blieb ruhig und erlaubte mir seinen Kopf zu streicheln.

Mittags wiederholte ich das. Er erlaubte mir sogar, mich direkt vor ihn zu stellen. Als ich allerdings versuchte auch seinen Hals zu berühren, griff er wieder an. „Ok..“ sagte ich zu ihm „dann in Deinem Tempo..“

 

Ich versuchte ihm ein Halfter anzulegen, was er ohne Probleme akzeptierte. Sein Besitzer (der ja auch mein Chef war) meinte, dass ich ihn auf die Koppel bringen sollte. Immerhin stand der arme Kerl nun schon 4 Tage nur in der Box, ausmisten war nicht möglich gewesen, nur frisches Stroh wurde über die Tür „geworfen“. So ganz war ich mir nicht sicher ob ich den Weg bis auf die Koppel überleben würde. Ich selbst 1,62 cm groß und 48 kg und er…naja, DEUTLICH mehr und für mich noch nicht so ganz berechenbar!

 

Doch alles ging gut. Ich lies ihn zu den anderen 2jährigen auf die riesige Koppel laufen und machte meine andere Arbeit. Nachmittags ging ich mit dem Chef noch Futter kaufen. Auf dem Rückweg zum Stall fuhren wir an der Koppel vorbei auf die ich DJ gestellt hatte. Die Pferde sollten eigentlich schon längst in ihren Boxen sein, aber alle auf dieser Koppel standen noch dort und DJ galoppierte munter hin und her, die andren Pferde mit sich ziehend. „Toll.“ sagte ich “jetzt haben wir unser eigenes Wildpferd auf der Koppel stehen..“

Die Pfleger sagten uns, dass sie alles versucht haben, aber es nicht möglich war auch nur eines der Pferde zu bekommen. Und wenn sie sich DJ näherten bließ er zur Attacke. Mein Chef meinte dann, dass ich es mal versuchen sollte.. Die Begeisterung von mir hielt sich enorm in Grenzen. Aber dennoch ging ich zur Koppel. Als ich am Tor ankam, rief ich weniger erwartungsvoll seinen Namen.

DJ, der in diesem Moment gerade in ein paar hundert Metern Abstand vom Eingang weggaloppierte, machte auf dem Absatz kehrt, schrie laut und kam auf mich zu galoppiert..

Es war unbeschreiblich was ich in dem Moment, als er vor mir aus voller Fahrt abstoppte, empfand. Ich hatte Tränen in den Augen. Ich brachte ihn in die Box und gab ihm sein Abendfutter. Schlachter war somit erst mal vom Tisch.

 

Am nächsten Tag gingen dann die Probleme aber für mich richtig los.. Ich durfte DJ anfassen, sogar bis zur Mitte des Rückens erlaubte er mir zu gehen. Aber: er klebte an mir. Ging jmd anderes in seine Box, attackierte er ihn. Stand ich nicht dabei, weigerte er sich zu fressen. War ich einen halben Tag mal nicht da (ab und an hat man ja auch mal frei), tobte er rum und schrie.

 

Stand er auf der Koppel und sah mich, dann schrie er los und kam gerannt. Egal, wie viele Pferde bei ihm waren oder ob der Zaun zu war. 1,60 m zu springen war gar kein Problem für ihn. Einmal wollte ich schnell zur Apotheke fahren und hatte ihn draußen. Zum Glück war die Apotheke nur ca 1 km entfernt, denn als ich dort ankam bemerkte ich, dass DJ mir gefolgt war…. Mein blödes Gesicht in dem Moment konnte ich nur an den ebenso verblüfften Gesichtern der Leute in der Strasse absehen.

 

Die Behandlung des Beines fiel dann natürlich auch mir zu. Es war ekelhaft, langwierig und nicht ganz ungefährlich. So sehr mich DJ wohl mochte, wenn ich an sein Bein ging, musste ich dennoch auf der Hut sein. Doch irgendwann war auch sein Bein abgeheilt. Eine Narbe blieb natürlich..

 

Beim Einreiten kam dann das nächste Problem: DJ hatte Sattelzwang, und zwar so richtig!

Wenn der Gurt nur ganz sachte anlag, bockte er wie ein Rodeopferd.

Nach einigen Tagen hatte ich ihn in der Stallgasse stehen, legte den Sattel drauf und machte den Gurt locker fest.

Zu dem Zeitpunkt hatten wir einen alten Trainer bei uns, der fand, dass ich zu viel „Geschiss“ mit dem Kerl machte..

Leider hatte ich nicht bemerkt, dass er auf der anderen Seite den Gurt komplett anzog. DJ merkte man nichts davon an… bis ich losging und er den ersten Schritt machte.. Er ging neben mir hoch, wie ein Lippizaner. Alle 4 Beine über einen Meter in der Luft, Kopf fast auf dem Boden und Rodeo.

Natürlich wollte ich ihn so nicht davon rasen lassen, aber am Stalltor war Schluss. Da wir nicht gemeinsam rauspassten, ich aber trotzdem festhielt, geriet ich hinter ihn und er trat mir in den Bauch. Da mir die Luft wegblieb, lies ich den Strick los und DJ war weg.

Nach einer halben Std fanden wir ihn wieder. Es war zum Glück alles ok! Sein Sattelzwang war danach nicht mehr ganz so extrem.

 

Das Einreiten an sich ging relativ unkompliziert von statten. Musste halt alles allein machen. Ich muss auch ehrlich zugeben, dass ich zwei Wochen nur Schritt ging, bevor ich mich überhaupt traute anzutraben. Ich war der Ansicht, dass mich dann ein Rodeo erwartet. Aber nichts passierte..

 

Die nächsten Monate vergingen und DJ war im Training. Ich hatte noch nie so ein Pferd geritten. Er wurde einfach nicht müde. Und wenn es irgendwo einen Sprung gab, wollte er unbedingt drüber.

Hier möchte ich erwähnen, dass ich Monty Roberts kenne und in auch schon ein paarmal getroffen habe. Er ist ja der Ansicht, dass KEIN Pferd von sich aus springen würde. Ich kenne mittlerweile mehrere auf die diese Aussage absolut nicht zutrifft.

 

Eines Tages kam mein Chef mit zwei Franzosen an den Stall. Ich kannte die vom Sehen. Sie kauften Pferde für Vielseitigkeit und hatten DJ im Vorbeifahren gesehen. Als ich dann den Auftrag bekam ihn von der Koppel zu holen und vorzuführen, hätte ich heulen können. Mir war klar, dass dieses Pferd das Paradebeispiel eines VS Pferdes war.. enormes Springvermögen, Ausdauer, Schnelligkeit und auch noch Spass daran.

Ich brachte ihn also auf den Hof und natürlich gefiel er den beiden. Sie machten ein Angebot von 40 000 DM. Mein Herz setzte kurz aus und Tränen schossen in meine Augen. Das wars, dachte ich, ab morgen komme ich nicht mehr her..

Aber mein Chef sagte, dass das Pferd ohne mich schon lang nicht mehr leben würde und aus diesem Grund erstmal unverkäuflich wäre. Ausserdem würde er ohne mich eh keinen Schritt machen.

Der Weg zur Koppel zurück fiel mir enorm leicht, wie man sich vorstellen kann.

 

Irgendwann sagte mein Chef einmal, dass DJ auf die Welt gekommen wäre um mich zu finden..(naja, vielleicht auch andersrum). Es passte aber auch alles. Sogar der Name. Als ich früher davon träumte ein eigenes Pferd zu haben, wollte ich es „Johnny“ nennen :-D.

 

Irgendwann erfuhr ich dann auch über zig Ecken, was mit DJ vor uns passiert war. In seinem früheren Stall wurde zu hektisch mit ihm umgegangen und wenn er etwas nicht wollte, wurde er gezwungen. So kam es dann auch, dass er sich beim Versuch ihn zu satteln losriss, jmd so schwer in den Rücken trat, dass er im Rollstuhl landete und selbst in einen Stacheldrahtzaun lief. Danach konnte ihn dort niemand mehr anfassen.

 

Ein halbes Jahr verging, mein Geburtstag kam und ich bekam DJ geschenkt. Mein Chef hatte Angst, dass er für Rennen zu laufen zu schwer ist und somit Gefahr läuft sich unnötig zu verletzen. Also ging er auf mich über.

 

Leider hatte ich nur 11 tolle Jahre mit ihm. Eine ganze Menge Geschichten zusammen erlebt.

Im Dezember 2007 erkrankte er schwer und kam in die Klinik. Obwohl mir viele Leute Mut machten, war mir relativ direkt klar, dass es das war, dass er nicht überleben würde.

Nach 2 Wochen Intensivbehandlung traf ich die Entscheidung ihn einschläfern zu lassen. Das er gequält wurde, war nicht fair. Bei seinem letzten Weg war ich natürlich auch bei ihm. Es tat schrecklich weh, wusste ich doch, dass ich solch ein Pferd nie wieder finde. Seelenpferd sagen manche zu ihnen. Und diese Bezeichnung passt auch irgendwie. Ich war nie von ihm gefallen. Er hatte immer aufgepasst, auch wenn er Blödsinn machte (und das konnte er sehr gut).

Eigentlich wollte ich danach auch kein eigenes Pferd mehr haben. Reiten tat ich ja sowieso jeden Tag.

Erst 4 Jahre später bekam ich mehr aus Zufall meinen jetzigen. Ferrario. Er ist super, versucht alles richtig zu machen. Eine Verbindung wie zu DJ ist es aber nicht.

 

Obwohl es sogar heute noch wehtut, nur daran zu denken, weiß ich auch, welches Glück ich hatte DJ kennen zu lernen. Solche Erfahrungen sind einzigartig und wenn man Glück hat, dann erlebt man sie einmal im Leben.. Mir war es vergönnt, auch wenn es nicht so lange andauerte, wie ich es mir erhofft hatte.

 

PS: Damals und heute haben meine Autokennzeichen in der Mitte immer die gleichen zwei Buchstaben: DJ


von Andrea19

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